Interkulturelle Bildung durch digitale Tools - Ein Interview mit Susanne Stauch

Susanne Stauch: Gastprofessorin, Goldschmiedin und Designerin

Susanne Stauch ist Goldschmiedin, Designerin und Gastprofessorin an der Universität der Künste Berlin. Design ist für sie ein Mittel für die Gestaltung gesellschaftlicher Prozesse. Im Rahmen des Love School Projektes hat sie mit Studierenden aus Deutschland und Schüler*innen aus Kenia über Skype, WhatsApp und Email einen gemeinsamen Designprozess durchgeführt:

Worum ging es im Love School Projekt?
Ich war 2016 in Kenia und habe über eine NGO, die ich dort kennengelernt habe, Einblicke in die Schulen der Slums Kangemi und Kawangware erhalten und war schockiert: Nur die ärmsten der Kinder bekommen Mittagessen, in manchen Schulen gibt es nicht einmal Trinkwasser. Viele Kinder haben deshalb Konzentrationsschwierigkeiten und können dem Unterricht nicht folgen. Ich dachte, wenn es Social Design oder Transformationsdesign gibt, dann wollen wir mal sehen, was wir wirklich damit bewirken können. Mir ging es um Empowerment, um die Frage, wie wir durch gemeinsame Arbeit mit den Menschen vor Ort etwas bewirken können, ohne sie direkt mit Geldspenden zu unterstützen. Für die Design Studierenden in Deutschland hieß das, Produktdesign anders zu denken und zu lernen, gesellschaftliche Prozesse zu gestalten.

Studierende aus Deutschland entwickelten dann zusammen mit Schüler*innen aus Kenia Ideen für Objekte, die vor Ort gefertigt werden können. Wann gab es den Moment, wo Du gemerkt hast, dass das Projekt funktioniert?
Im Anschluss an die Workshops habe ich verschiedene Lehrer und die Headmasterin interviewt. Sie hatte beobachtet, wie ein paar Kinder, die zum Beispiel im Mathematikunterricht unaufmerksam waren, in den Workshops den ganzen Tag voll konzentriert gearbeitet hatten. Sie hat dabei verstanden, dass jedes Kind ein Talent hat und, dass diese unterschiedlich sind. Viele Kinder haben durch das handwerkliche Arbeiten erfahren, dass sie selbst etwas herstellen können, das hat ihnen Selbstvertrauen gegeben.

Die Schüler*innen arbeiten an Projekten, die sie mit Studierenden entwickelt haben. Bild: Susanne Stauch

Was hat so gar nicht geklappt?
Das größte Problem war die schlechte Qualität der Internetverbindung und die vergleichsweise teuren Data-Bundles, die wir für unseren Austausch benötigten. Deshalb sind wir schnell von Skype auf Email umgestiegen, was die konkreten Aufgaben und wöchentlichen Tasks betrifft und haben über Skype nur den rein sozialen Austausch zwischen den Teams weiter laufen lassen. Auch konnten die Kinder keine Fotos in hoher Auflösung machen, da entsprechende Geräte fehlten. Ohne den von uns finanzierten Projektleiter und Künstler, der die Kinder vor Ort betreute, deren Arbeit dokumentierte und die Skype-Meetings organisierte, wäre das Projekt nicht möglich gewesen.

Unterricht über solche großen Entfernungen und Kulturgrenzen hinweg stattfinden zu lassen ist auch eine interessante Idee für edulabs. Ist nach Deinen Erfahrungen ein solches Format zum Beispiel im Sprachunterricht einer deutschen Schule denkbar?
Ja, das kann ich mir vorstellen. Nach unserer Erfahrung mit dem Love School Projekt gibt es ein paar Faktoren, die ich als entscheidend für den Erfolg eines solchen Vorhabens halte. Es braucht auf beiden Seiten Moderator*innen oder Lehrer*innen, die als Ansprechpartner*innen das Projekt/den Unterricht leiten. Es ist wichtig, dass sich die Teilnehmer*innen vorab kennenlernen, idealerweise analog, zumindest aber ein sozialer Austausch stattfindet. Es muss ein Weg gefunden werden, die Konzentration der Schüler*innen auf dem elektronische Ereignis zu halten, was durch die richtige Gestaltung der Anwendung gewährleistet werden könnte. Ich kann mir auch vorstellen, dass Virtual Reality ein solches Szenario wesentlich verbessern würde. Aber nach wie vor geht noch nichts über die reale, analoge Erfahrung des zwischenmenschlichen Austausches, der meines Erachtens in der elektronischen Anwendung so gut wie möglich integriert beziehungsweise nachempfunden werden muss.

Die Studierenden zu Besuch in Kenia. Bild: Susanne Stauch

Die Schüler*innen und Studierenden haben sich maßgeblich handwerklich mit Themen auseinandergesetzt: Ist making für Dich eine Unterrichtsmethode?
Ja, weil handwerkliches Arbeiten Abstraktes greifbarer macht. Außerdem fördert es durch kontinuierliches Anpassen und Iterieren das kritische Denken, das sich zwangsläufig auch gesellschaftliche Themen widmet. Das führt dann zu dem Wunsch, Gesellschaft mitzugestalten. Denn Handwerk bzw. Design ist nichts anderes, als Probleme zu lösen und eine Optimierung des Status Quo anzugehen. Genau dieser kritische Ansatz wird in der Schule oft nicht gefördert. Der haptische Zugang ist da ein Weg. Ein anderer ist die Art und Weise, wie mit kritischem Denken umgegangen wird. Kritische Fragen müssen zugelassen und ausdiskutiert werden.

Das Love School Projekt hat außerhalb eines konkreten Schulfaches stattgefunden. Wie steht es mit Mathematik, Deutsch oder Musik, gibt es da Anwendungsmöglichkeiten für making?
Ich bin keine Pädagogin, aber vorstellen kann ich es mir schon. Beispielsweise wäre ein Deutschunterricht denkbar, in dem Bauklötze eingesetzt werden, um Satzstrukturen zu ordnen. Wenn man zum Beispiel bei Montessori schaut, findet man verschiedene Ansätze in diese Richtung. Lernen findet über verschiedene Kanäle statt und dazu gehört neben dem auditiven und visuellen auch der haptische Sinn.

Die Schüler*innen beim Bau von Stühlen. Bild: Susanne Stauch

Was braucht es dafür, solche Methoden an die Schule zu bringen?
Ich denke, es braucht Offenheit für Veränderung in all den Bereichen, wo Bildung gestaltet wird. Und es braucht auch hier Designer*innen, die das mitgestalten.

edulabs möchte Menschen zusammenbringen, die offen für solche Veränderungen sind. Im schulischen und außerschulischen Bereich passiert auch schon sehr viel. Die Frage ist auch, was wir aus anderen Bereichen lernen können, um Bildung besser zu machen. Was würdest Du als Designerin sagen, welche Rolle spielt Design bei der Gestaltung von zeitgemäßem Unterricht?
Design ist sehr wichtig bei der Gestaltung von Prozessen und Produkten. In diesem konkreten Fall können Designer*innen insbesondere zwei Dinge einbringen: Sie sind es gewohnt, mit Feedback umzugehen und ihre Arbeit von Ihrer Person zu trennen, Abstand zu nehmen und den Kontext sachlich zu hinterfragen. Das ist eine Fähigkeit, die ich für überaus wichtig halte, insbesondere in Zeiten, in denen wir unsere Herangehensweisen und Kulturtechniken im weitesten Sinne hinterfragen müssen. Außerdem wissen sie, wie man die Aufrechterhaltung von Aufmerksamkeit durch Gestaltung positiv beeinflusst, was bei der Gestaltung von Bildungsformaten sehr wichtig ist. Zum Beispiel funktioniert intelligent gestaltete Software für den User besser und intuitiver, es kommt schneller zu einem Flow-Erlebnis und die Konzentration ist größer.

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