„Noten sind meistens scheiße“

Bild: Ralph Caspers. Fotograf: Dominik Pietsch. Lizenz: ©

Ralph Caspers ist Autor und moderiert „Wissen macht Ah!“ und „die Sendung mit der Maus“. Außerdem gibt er regelmäßig Vorträge, wie auch auf dem Chaos Communication Camp. Wir haben mit ihm über Medienkompetenz, Noten und den Spaß am Lernen gesprochen.

Medienkompetenz ist das Wissen, wie Texte und auch Filme gestaltet werden müssen, um Gefühle zu erzeugen. Gerade wird viel über Kompetenzen und Digitalität diskutiert. Du als Medienschaffender musst es ja wissen: Was ist Medienkompetenz konkret?
Ich kann es am besten anhand eines Beispiels erklären: Wir können uns super unterhalten, wir sprechen die gleiche Sprache und können in ihr schreiben und lesen. Das sind erst mal die Grundkompetenzen. Dann lernen wir im Deutschunterricht, dass es beispielsweise verschiedene Tricks gibt, mit denen Autoren Spannung erzeugen. Etwa durch Tempus-Wechsel: Die Geschichte wird normalerweise in der Vergangenheit erzählt und während einer spannenden Szene wechselt der Autor in die Gegenwart. Lesende bekommen das Gefühl, dass da etwas passiert, dass sie in den Text hineingezogen werden. Wenn ihnen das nicht auffällt, dass es diesen Wechsel gab, dann sind sie dieser Art von Manipulation ausgeliefert. Wenn die Methode aber bekannt ist, dann macht das Lesen trotzdem noch Spaß, die Methode erzeugt noch das Gefühl von Spannung. Aber Lesende sind ihr nicht hilflos ausgeliefert.

Allgemeiner bedeutet das: Das Wissen, wie Texte und auch Filme gestaltet werden müssen, um gewisse Gefühle zu erzeugen, das gehört für mich zu einer Medienkompetenz. Weil wir diese Dinge dann einordnen können. Das Wissen, wie etwas funktioniert, nimmt nicht den Spaß daran. Kompetenzorientierte Unterrichtsideen finden
Die edulabs-Community empfiehlt Unterrichtsideen, um zeitgemäße Bildung und Partizipation zu fördern.

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Die Kultusminister haben sich auf einige Kompetenzen geeinigt, die in der „digitalen Welt“ wichtig sind und an jeder Schule vermittelt werden sollen. Wie können die öffentlich-rechtlichen Medien dazu beitragen?
Das kommt immer auf die Sendung an. Bei „Wissen macht Ah!“ beispielsweise kann ich Fragen thematisieren, wie „was ist ein Algorithmus?“ oder „wie lernen Maschinen?“. Damit können wir die Mechanismen erklären. Das wäre klassisches Bildungsfernsehen. Es kann aber auch weitergehen: Indem man logische Trugschlüsse behandelt, die Scheinargumente entlarven. Allerdings kann Fernsehen nur Ausschnitte liefern. Die Zuschauer müssen sich anschließend Zeit nehmen, die Inhalte zu vertiefen.

Aus guten Gründen wird der Frontalunterricht kritisiert. Eigentlich ist das Fernsehen ein recht frontales Medium. Trotzdem lernen viele gerne mit der Maus. Was macht ihr anders?
Ich denke, Fernsehen wird deshalb gern geguckt, weil wir keine Noten geben. Außerdem sind „Wissen macht Ah!“ und „Die Sendung mit der Maus“ ja eigentlich Unterhaltungssendungen. Erst in zweiter Linie lernt man dabei. In der Schule ist es ganz anders, da muss man hingehen. Man muss etwas lernen, weil es dafür Noten gibt und Noten sind meistens scheiße. Deshalb sitzt man in der Regel lieber vorm Fernseher als in der Schule, außer vielleicht um seine Freunde zu sehen oder wegen des einen Lieblingsfaches oder -lehrers. Das ist der ganz profane Grund.

Lässt sich von eurer Art der Vermittlung trotzdem etwas mit in den Unterricht nehmen?
Ja, etwas Unkonventionelles im Unterricht einzusetzen sorgt für Aufmerksamkeit. Wenn Lehrende die einmal haben, können sie auch in die Tiefe gehen. Man braucht immer einen Haken, an dem man Inhalte aufhängen kann. Denn wenn ich weiß, warum ich etwas mache, dann ist der Widerstand nicht mehr so groß.

Viele der diskutierten Kompetenzen kenne ich auch aus der Hacker-Kultur. Du bist an ihr interessiert. Außerdem hast du dich schon früh mit Making beschäftigt. Was fasziniert dich an diesen beiden Kulturbereichen?
Die Ehrlichkeit: Beim Chaoscamp fand ich es ganz toll, dass wenn jemand seinen Laptop stehen gelassen hat, dass er keine Angst haben brauchte, dass ihn jemand klaut. Making und OER
Die Medienpädagogin Kristin Narr berichtet von ihren Erfahrungen mit Making sowie der Verwandtschaft von Making und OER.

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Im Gegenteil sorgt vielleicht jemand dafür, dass er an den Strom gehängt oder bei Regen geschützt wird. Das finde ich total faszinierend, diese Kultur des aufeinander Achtens. Gleichzeitig wird nichts verheimlicht und sich Mühe gegeben, alles so transparent wie möglich darzustellen und die Dinge beim Namen zu nennen.

Was kann der Bildungsbereich von der Hacker-Kultur lernen?
Jeder Maker ist ja auch ein Hacker. Ich sehe Hacken nicht nur als ein „auf-der-Tastatur-rumhacken“, sondern auch als eine Beschäftigung, Dinge in Kontexten zu benutzen, für die sie eigentlich nicht gedacht waren. Was der Bildungsbereich vielleicht daraus lernen kann: Sowohl beim Hacking als auch beim Making gilt das Prinzip des Trial and Error. Du probierst etwas aus und guckst, ob es funktioniert. Wenn es nicht funktioniert, dann gibst du nicht auf, sondern suchst nach einer Lösung. Auf dem Weg dahin lernt man eine Menge. In der Schule ist es ja in der Regel anders: Jeder Fehler wird mit einer schlechten Note bestraft. Alle versuchen es immer so richtig wie möglich zu machen. Das hemmt natürlich total. Lernende werden sich nicht anders verhalten, wenn sie wissen, dass sie dafür abgestraft werden. Das ist wahrscheinlich eines der größten Dinge, die der Bildungsbereich von Makern oder Hackern lernen kann.

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Ralph Caspers auf dem Chaos Communication Camp 2015

Wie im Video geht es bei der Maus auch immer darum, Kompliziertes einfach zu erklären. Wenn du die Maus jetzt neuerfinden könntest, würdest du etwas anders machen?
Ich würde die Maus nicht ändern. Das Einzige, was ich machen würde, wäre ein Archiv einzuführen, damit dieses ganze Wissen auch nachgenutzt werden kann. Ansonsten hat sich die Erzählweise bewährt: Dieses einfache, am Thema bleibende Erzählen ist genau richtig.

Brauchen wir für eine andere Jugendkultur eine Art Neon-Maus?
Die Frage ist, auf was wir Wert legen: auf die Verpackung oder auf den Inhalt. Ich mache nur Dinge, mit denen ich etwas anfangen kann, sonst wäre es nicht authentisch. Macht man es anders, besteht immer das Risiko, dass es aufgesetzt wirkt. Dann schaut es niemand gern, und davon hab ich dann ja auch nichts.

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