Selbstorganisiertes Lernen in der Praxis

Bild: Lernatelier und Arbeitsplätze an der Alemannenschule Wutöschingen. Lizenz: Gemeinde Wutöschingen / Alemannenschule Wutöschingen CC BY-NC-ND 2.0

Bild: Valentin Helling. Lizenz: CC0 Valentin Helling ist ausgebildeter Grund- sowie Hauptschullehrer und Teil eines stetigen Experimentes: Seit sechs Jahren arbeitet er mit einem engagierten Kollegium neben dem Lehrerberuf an einer zeitgemäßen Alemannenschule Wutöschingen. Außerdem koordiniert Valentin das Materialnetzwerk der Schule, über das sich ähnliche Einrichtungen unterstützen. Seit Oktober 2017 ist das Netzwerk eine gemeinnützige Genossenschaft, die alle Materialien in einheitlichem Layout und einheitlicher Struktur als OER bereitstellen wird.

Ihr habt viel Arbeit in die Umstrukturierung eurer Schule gesteckt, warum?
Für mich steht fest, dass die tradierten Schulformen nicht mehr funktionieren, sie sind nicht zukunftsweisend. Es gibt so viele Anhaltspunkte, dass es nicht mehr funktioniert: Wie die Burnout-Raten von Lehrenden und Lernenden, die immer weiter ansteigen. Für uns als Schule war klar, dass wenn wir die Chance haben, die Schule selbstständig neu aufzubauen, wir mal spinnen und anders denken möchten. Wir haben geschaut, was es für Forschungsergebnisse gibt, auf die wir zurückgreifen können. Und wir wollten sie ernst nehmen und schauen, was sich daraus machen lässt.

Du hast das Thema Burnout angesprochen. Ihr arbeitet auch sehr viel, um die neue Struktur möglich zu machen. Inwiefern hat sich dein Schulalltag verändert, dass ihr das leisten könnt?
Mein Schulalltag hat sich massiv verändert. Und obwohl wir alle gerade sehr hart arbeiten, um diese neue Schulstruktur umzusetzen, fühlen wir uns besser und sind bereit zusätzliche Ressourcen zu investieren. Das ist der beste Beweis dafür, dass dieses veränderte Verständnis von Bildung maßgeblich dazu beiträgt, dass wir eben nicht umkippen. Ich kann gestalten, das können Lehrende an konventionellen Schulen vergleichsweise wenig. Natürlich ist die Mehrarbeit sehr anstrengend. Aber ich kann gestalten. Das können Lehrende an konventionellen Schulen vergleichsweise wenig. Wenn ich ein normaler Beamter im tradierten Schulsystem bin, dann kann ich kaum mehr gestalten, weil ich praktisch keine Verantwortung trage. Im ideellen Sinne tragen Lehrende sicherlich eine enorme Verantwortung, im faktischen Sinne aber praktisch keine. Lehrende können tagtäglich, über Jahre hinweg einen ganz schlechten Job machen und sie verlieren ihre Anstellung trotzdem nicht. Das liegt auch an dem Gestaltungsspielraum, der kaum vorhanden ist. Es müssen praktisch nur noch Vorgaben erfüllt werden. Dadurch findet keine Entwicklung statt. Um den Kreis zu schließen: Klar, es ist anstrengend. Die große Befriedigung und der große Antrieb kommen aber dadurch, dass wir Tag für Tag gestalten können und sehen, dass es funktioniert.

Wie sieht dein Schulalltag heute konkret aus?
Ich bin studierter Musiklehrer. Meine erste Stunde ist immer Musik. Wir haben verschiedene Musikangebote, die die Lernenden wahrnehmen können und die ihnen angerechnet werden. Keiner muss einen der Angebote belegen. Wenn die Lernenden das nicht gewählt haben, haben sie diese Stunde frei. Sie können also später kommen. Oder, das machen viele, schon zur ersten Stunde kommen und sich ins Lernatelier setzen, um in Ruhe zu lernen. In dieses Atelier gehe ich nach dem morgendlichen Musikangebot auch, das zweigeteilt ist: Es gibt einen kooperativen Lernbereich, der einem Coworking Space ähnelt und darüber liegt eine Art Bibliothek, in der alle Lernenden ihren persönlichen Arbeitsplatz haben, um in Ruhe zu arbeiten.

Bild: Lernatelier und Arbeitsplätze. Lizenz: Gemeinde Wutöschingen / Alemannenschule Wutöschingen CC BY-NC-ND 2.0

Da habe ich auch meinen Schreibtisch, in Mitten meiner Lerngruppe. Das sind etwa dreizehn Lernende, die alle an unterschiedlichen Dingen arbeiten: Der eine macht Mathe, die andere Deutsch. Wann immer ein Kind eine Frage hat, kann es zu mir kommen und sie mir stellen. Es kann auch vorkommen, dass ich mit einer Schülerin für eine halbe Stunde auf den Marktplatz gehe, um individuell Mathe zu lernen. Es gibt aber auch Tage, an denen die Lernenden nicht individualisierte Fächer haben, wie Sport oder Kunst, dann ist das Atelier leer. Dann habe ich Zeit, um andere Dinge zu erledigen, wie Materialien weiterzuentwickeln. Um zwölf ist Mittagspause, an die die Clubs anschließen. Die haben die Lernenden zuvor gewählt. Ich betreue zum Beispiel den Club Lebensraum Wutach. Das ist quasi Biologieunterricht, der im Freien stattfindet, wenn es das Wetter zulässt und kommt am ehesten einer klassischen Unterrichtsstunde gleich.

Welche Rolle spielen Bildungsmaterialien für diese Struktur?
Das ist ein Problem von OER: Es gibt viele freie Materialien, aber sie unterscheiden sich gestalterisch enorm und sind daher schwer direkt einsetzbar. Sie sind enorm wichtig. Ein Mathebuch wurde nie dafür konzipiert, dass du einer Schülerin sagen kannst: Hier ist ein Mathebuch, lern mal Mathe. Das funktioniert nicht. Deswegen haben wir entschieden die Materialien selbst zu erstellen und das unter höchstem Zeitdruck, denn die Lernenden waren ja schon da. Dann kam schnell ein Problem auf: ein riesen Chaos in der Materialbibliothek. Denn wir hatten dort ein Sammelsurium von Materialien, ohne besondere Struktur. Das ist auch ein Problem von OER: Es gibt viele freie Materialien, aber sie unterscheiden sich gestalterisch enorm und sind daher schwer direkt einsetzbar. Das Chaos in der Bibliothek hat uns gezeigt, dass eine bunte Materialsammlung nicht funktioniert. Wir brauchten also eine Struktur, die es den Lernenden erlaubt selbstständig zu arbeiten. Mit dem Layout haben wir dann angefangen. Alle Fächer bekamen eigene Farben, die Kompetenzbereiche Icons. Es war sehr beeindruckend, wie viel besser die Organisation und Arbeitsweise in der Bibliothek danach funktionierte. Die Lernenden haben jetzt Materialien, in denen sie alle Informationen inklusive der Lösung finden, mit denen sie wirklich autonom lernen können. Haben Lernende diese Kompetenz noch nicht, nehme ich sie natürlich an die Hand.

Ihr habt viele Anfragen wegen der Materialien bekommen, deswegen habt ihr das Materialnetzwerk gegründet. Erleichtert das auch euren Arbeitsaufwand?
Das ist das Ziel. Wir waren eine von 40 Gemeinschaftsschulen, die damit angefangen hat. Viele Schulen im Materialnetzwerk haben später angefangen, dadurch waren wir immer schon ein Jahr voraus mit der Materialentwicklung. Wir können als älteste Schule im Verbund ja nicht sagen: Okay, ihr habt als älteste Klasse Siebtklässler, aber macht mal Material für Zehntklässler. Das macht keinen Sinn. Deswegen mussten wir an der Schule jedes Jahr eigene Materialpakete erstellen, unter hohem Zeitdruck. Aus diesem Grund sind wir mit den Materialien auch nicht zufrieden, die Erstellung benötigt eigentlich mehr Zeit. Die Grundidee ist, dass durch das Materialnetzwerk gute neue Materialien entstehen, sodass auch wir entlastet werden. Die Gründung der gemeinnützigen Genossenschaft bildet hierfür den strukturellen und rechtlichen Rahmen. Nun können wir auch mit externen Partnern und Anbietern zusammenarbeiten und OER in einer noch nicht dagewesenen Form anbieten.

Eine Schule umzustrukturieren ist ein großes Vorhaben. Wer wird gebraucht, damit das funktioniert?
Für mich sind es drei Säulen, die nötig sind: Es braucht einen Rektor, der klar dahinter steht und für die Idee auch vor den Behörden und den Eltern einsteht. Dabei sollte der Rektor nicht Bedenkenträger sein. Denn Bedenkenträger sind diejenigen, die Entwicklung am meisten ausbremsen. Was aber nicht heißt, dass Bedenkenträger nicht existent sein dürfen. Natürlich brauchen auch wir Bedenkenträger, aber eher als Korrektiv und nicht als generelle Infragesteller. Der Rektor sollte diese Rolle nicht haben, da er an einer entscheidenden Stelle sitzt, wo das visionäre Denken gebraucht wird. Nur dann können Bedenkenträger im Kollegium auch mit ihrer positiven Eigenschaft wirken. Die zweite Säule ist das Kollegium. Eine solche Idee kann schon im Keim erstickt werden, wenn ein Großteil der Lehrendenschaft dagegen ist. Das Gegenteil wird aber gebraucht: ein Kollegium, das intrinsisch davon überzeugt ist, dass eine solche Umstrukturierung gut und nötig ist. Kompetenzorientierte Unterrichtsideen finden
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Dann werden Mittel benötigt und die kommen in Deutschland in der Regel vom Schulträger. Usere Gemeinde investiert entschieden in Bildung und neue Infrastruktur, das ist für uns und auch die Gemeinde ganz wichtig. Denn schon jetzt zeigt sich, dass diese Investitionen rentabel und wirtschaftlich sind. Diese drei Säulen müssen stimmen. Leider fehlen bei den meisten Schulen mindestens eine der drei Säulen und dann stirbt die Idee.

Ihr habt sehr viel Eigenarbeit in die Umstrukturierung gesteckt. Ist es die Aufgabe der Lehrenden, dem Bildungssystem auf die Sprünge zu helfen?
Laut Vertrag ist es das nicht. Aber es ist der beste Weg und ich wünsche mir, dass das eine Kernaufgabe der Lehrendenschaft in Zusammenarbeit mit der Wissenschaft wird. Denn es braucht die praktischen Versuche und Freiheiten, nur daraus können wir lernen. Das birgt ganz viel Potenzial und Motivation, denn wir können gestalten und haben die Verantwortung dafür. Hinzu kommt, dass Schulentwicklung immer im regionalen Kontext gesehen werden muss. Unsere Schule ist nicht eins zu eins auf Berlin zu übertragen. Das funktioniert nicht. Weil dort andere Menschen arbeiten, die Schule ein anderes Klientel hat und der Schulträger anders denkt oder die Räumlichkeiten anders sind. Es sind viele Faktoren, die da hineinspielen, dass ein reines Kopieren nicht funktioniert. Deswegen wird es aus meiner Sicht auch in Zukunft scheitern, dass Schulstrukturen von oben vorgegeben werden. Es wäre besser, Grundelemente von Schule gesellschaftlich festzulegen, wie beispielsweise ein Grundcurriculum von Kompetenzen. Wie das dann jede Schule realisiert, ist Aufgabe der Schule. Das sollte regional bestimmt werden. Mit der großen Lösung für alle gehen so viele Ressourcen und Kompetenzen verloren, dass wir den Anforderungen heute gar nicht mehr gerecht werden können. Das wird immer weniger funktionieren.

Baden-Württemberg führt eine landesweite digitale Bildungsplattform für Schulen ein. Ihr habt mit Diler ein eigenes System. Wie autonom können Schulen in Bezug auf Lernplattformen agieren?
Eine Plattform für alles ist auch im Bildungsbereich nicht die richtige Lösung. Zum jetzigen Zeitpunkt haben Schulen die Auswahl. Ob das Land eine verpflichtende Plattform einführen wird, kann ich nicht sagen. Es ist aber anzunehmen, dass das Land es anstreben wird. Ob dies in der Praxis dann auch funktioniert, wird sich zeigen.
Die von Mirko Sigloch entwickelte Plattform „Diler“, die auch an unserer Schule eingesetzt wird, steht allen Schulen zur Verfügung und wurde aus der Praxis für die Praxis entwickelt. In Zukunft werden Lernplattformen aus meiner Sicht aber nicht vorrangig CMS-Systeme sein, also Systeme, in denen der Content und alles andere enthalten sind. Es werden eher Organisations-, Kommunikations- und Verwaltungswerkzeuge sein. Es macht auch keinen Sinn, ein System für alles zu haben, weil wir den Lernenden dann auch wieder nicht beibringen mit Vielfalt umzugehen. Viel besser wäre es, wenn wir die Lernenden so kompetent machen, dass sie aus der Vielfalt das herausziehen, was für sie am besten ist. Lernplattformen wie DiLer werden zukünftig mehr und mehr die Aufgabe übernehmen, Content transparent abzubilden und auf ihn zu verweisen. “One-size-fits-all” ist auch im Bildungsbereich nicht die richtige Lösung.

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