Partizipation durch Liquid-Democracy - Alexa Schaegner im Interview zum Projekt aula

Bild: Maximilian Voigt: Alexa Schaegner. Lizenz: CC-BY 4.0

Alexa arbeitet als Redakteurin für Politik Digital e.V. und betreut zusammen mit Marina Weisband sowie Daniel Schumacher das Projekt aula. Außerdem organisiert sie seit dem 13. Juni 2017 als eine von drei Lab-Leads edulabsBE. Was ist aula? Mit Hilfe einer Liquid Democracy basierten Plattform möchte aula jungen Menschen die Möglichkeit geben, ihr schulisches Umfeld aktiv mitzugestalten und dadurch demokratisches Handeln zu erproben.

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Liebe Alexa, welche Schnittmenge haben für dich diese beiden Initiativen?
Zeitgemäße Bildung ist das, was die beiden Projekte miteinander verbindet. Bei edulabs geht es natürlich mehr in Richtung Digitalisierung der Bildung, das ist bei aula auch ein Punkt, aber nur einer von vielen. Zeitgemäße Bildung ist eine Perspektive, die beim Lernen den Erwerb von Kompetenze in den Fokus nimmt. „Zeitgemäße Bildung ist etwas, das den Fokus weg von Tools und Methoden lenkt und auf den Erwerb notwendiger Kompetenzen richtet.“ Bei aula geht es in erster Linie um Demokratiekompetenzen und Mündigkeit. Indem wir eine Online-Plattform verwenden, über die wir kommunizieren, geht es natürlich auch um digitale Mündigkeit. Zeitgemäße Bildung ist etwas, das den Fokus weg von Tools und Methoden lenkt und auf den Erwerb notwendiger Kompetenzen richtet. So habe ich zeitgemäße Bildung verstanden und so möchte ich diese auch unterstützen. In diesem Punkt haben beide Projekte ganz viele Ansatzpunkte und eine große Schnittmenge.

Gibt es etwas, wobei edulabs aula helfen kann?
edulabs ist ein Raum, in dem Menschen zusammenkommen und sich gegenseitig unterstützen sowie austauschen. Das können wir definitiv gebrauchen. Wir von aula kommen aus ganz unterschiedlichen Ecken. Aber letztendlich teilen wir den gemeinsamen Fokus auf Politik. Marina im praktischen, Daniel und ich im wissenschaftlichen und journalistischen Bereich. Wir brauchen also Unterstützung von Didaktiker*innen und Pädagog*innen - Menschen, die aus der Lehrpraxis kommen. Das können wir bei edulabs finden.

Seit Ende 2015 arbeitet Politik Digital e.V. an dem Projekt aula. Vier Schulen nutzen bereits das Liquid Democracy System. Das Projekt scheint erfolgreich zu sein. Was klappt besonders gut?
Unser Ziel war es, in vier Schulen das System aula zu testen. Wir hätten gerne noch mehr genommen, haben aber dann gemerkt, dass vier Schulen realistisch sind. Ob das erfolgreich ist, hängt von den eigenen Maßstäben ab. Was würdest du denn als erfolgreich bezeichnen?

Bild: Maximilian Voigt: Zoé Losch auf der re:publica. Lizenz: CC-BY 4.0

Neben den Zielen, die ihr für das Projekt festgelegt habt, die ihr erreicht habt, ist es für mich auch deswegen erfolgreich, weil es sich bei aula um eine kritische Position gegenüber dem System Schule handelt und die Einwilligung der Schulen in die Umsetzung ein Eingriff bedeutet.
Wenn du sagst, Erfolg bedeutet, dass die Schulen das annehmen und es einsetzen möchten, würde ich das auf jeden Fall unterschreiben. Es gab und gibt ja noch viel mehr Anfragen von Schulen. Wobei auch unterschieden werden muss, wer sich für die Umsetzung einsetzt. Das sind immer ganz unterschiedliche Akteur*innen, mit unterschiedlichen Motivationen.

Was ist bei eurer Arbeit besonders positiv aufgefallen?
Mich freut es immer wieder, wie viele Menschen Interesse an dem Projekt zeigen. Was ich spannend finde, denn ich selbst komme ja aus der Politikwissenschaft und bin im Bildungsbereich relativ neu. Ich habe das Gefühl, mit aula etwas angestoßen zu haben, das viel größer ist, als gedacht. Mir ist dadurch bewusst geworden, wie notwendig diese Thematik im Bildungsbereich ist. aula muss da auch nicht das einzige Projekt bleiben, es darf gerne viele andere geben, die Demokratiekompetenzen fördern. „Projekte wie aula sind (…) Möglichkeiten, schon jetzt ganz praktisch etwas zu verändern und Themen auf den Lehrplan zu bringen, die da noch nicht sind.“

Umso mehr ich mit den Schüler*innen arbeite, merke ich, dass sie solche Projekte brauchen, dass sie sie möchten und dass es ihnen fehlt. Das ist für mich der größte Erfolg. Wobei Erfolg da nicht das richtige Wort ist. Das ist für mich die größte Erkenntnis. Also die, wie notwendig es ist und dass wir es weiter ausweiten sollten. aula ist eine Möglichkeit, in diesem Bildungssystem, dass gründlich überholt werden sollte, relativ direkt etwas zu verändern, ähnlich einer Graswurzelbewegung. Wir können nicht darauf warten, dass sich in dieser Struktur politisch schnell etwas grundlegend ändert. Der Digitalpakt ist jetzt ja beispielsweise auch wieder unsicher. Projekte wie aula sind da für mich Möglichkeiten, schon jetzt ganz praktisch etwas zu verändern und Themen auf den Lehrplan zu bringen, die da noch nicht sind. Eigentlich ist das wieder eine Schnittmenge mit edulabs.

Du hast deine Arbeit zu Liquid Democracy geschrieben. aula sieht nach einem Feldversuch aus. Würdest du nach dieser praktischen Erprobung sagen, dass das ein gutes System ist und dass es im größeren Stil funktionieren kann?
Puh, gute Frage. Ich habe mich wissenschaftlich viel mit Liquid Democracy auf größerer Ebene beschäftigt. Beispielsweise mit der Beteiligungsplattform zur „Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft“, die ja alle Bürger*innen im Fokus hat. Zu Bürger*innen-Befragungen wurde das System also schon mal eingesetzt und ich würde sagen, dass das in ähnlicher Weise wieder funktionieren kann. Aber ich bin dankbar, es jetzt auch noch mal in einem kleineren Rahmen praktisch testen zu dürfen und finde es super, dass Marina diese Idee hatte. Ich wäre da nicht von selbst drauf gekommen, das System in Schulen einzusetzen. Schulen bilden gute Testumgebungen, da es abgeschlossene Orte sind. Weil sie aber so abgeschlossen sind, kann man Schule nicht mit größeren Teilen der Gesellschaft vergleichen. Deswegen wage ich gar nicht, ein Urteil darüber zu fällen. Ich kann nur sagen, dass es im Rahmen von “Schule” eine gute Möglichkeit ist, Partizipation zu fördern. Und wie bei allen Beteiligungsprojekten ist es trotzdem kein Selbstläufer. So hat sich wieder bestätigt, dass es nicht reicht zu sagen: Hey, wir geben den Menschen die Möglichkeit, sich zu beteiligen. Egal wie toll das System aufgebaut ist - es funktioniert nicht, wenn es nicht richtig begleitet wird. Beteiligung muss gelernt werden und da sind wir wieder bei aula. aula gibt jungen Menschen die Möglichkeit, Beteiligung zu lernen und zu verstehen, welchen Nutzen Beteiligung für sie haben kann. Meine Hoffnung ist, dass sie das für ihr späteres Leben mitnehmen können und Partizipation im größeren Rahmen leichter fällt.

Bild: Maximilian Voigt: Der Schülersprecher Jakob Schmidt auf der re:publica. Lizenz: CC-BY 4.0

Stichwort: kein Selbstläufer. Was ist nicht so gut gelaufen?
Es gab immer wieder Stagnationen auf allen Ebenen. Es hat beispielsweise eine Weile gedauert, bis Ideen von den Schüler*innen kamen, etwas an der Schule zu verändern. Also Ideen, die umsetzbar waren, die inspiriert haben. Aussagen wie „Was woll’n Sie denn hören?“ kriegt man manchmal auch. Die Schüler*innen sind überwiegend darauf ausgerichtet, den Lehrer*innen oder anderen Menschen nach dem Mund zu reden und es dauert eben etwas, das zu ändern. „Das ist für mich immer das größte Hindernis: erst mal Raum und Platz zu schaffen.“ Man merkt also, dass bisher nicht viel Raum da war, mitzugestalten. Das ist für mich immer das größte Hindernis: erst mal Raum und Platz zu schaffen. Ein anderes Problem war alle Akteure zusammenzubekommen. Lehrer*innen haben einfach wahnsinnig viel zu tun. Ich habe großen Respekt vor diesem Job. Und dann kommt noch so ein Projekt wie aula und will deren Zeit und Aufmerksamkeit. Da waren nicht alle begeistert von. Eine weitere Hürde war der Zeitplan, der sich häufiger verschoben hat. Gefühlt waren ständig Ferien, die wir nicht auf dem Schirm hatten. Das klingt lächerlich, aber das hat uns teilweise den letzten Nerv geraubt, weil zwischen den Workshops so große Pausen entstanden sind. Dann haben die Schüler*innen häufig Passwörter vergessen, weil sie keine Passwörter mehr benutzen. Alles läuft über Apps. Wir mussten immer wieder neue Passwörter erstellen. Und natürlich hatten wir, wie viele, Probleme mit der technischen Infrastruktur, aber das ist ja ein gängiges Problem.

Wie sieht die Zukunft des Projektes aus? Habt ihr eine Vision?
Ich habe immer wieder das Feedback bekommen: Eigentlich ist aula kein Projekt sondern gehört zu einem Kanon von Kompetenzen, die in das Curriculum aufgenommen werden sollten. Diese Kompetenzen und die Möglichkeit zur Partizipation zu fördern, das ist unser großes Anliegen. Warum sollten Schüler*innen nicht an der Frage beteiligt werden, was sie lernen oder wie ihr Umfeld gestaltet wird? Mir ist klar, dass junge Menschen Referenzpunkte brauchen, um sich zu orientieren. Aber sie gar nicht nach ihren Bedürfnissen zu fragen, was ist das für ein Menschenbild? Ich wünsche mir, dass wir ein Bewusstsein schaffen, das zu verändern. Ich hoffe also, dass so viele Schulen wie möglich aula nutzen werden.

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