Was Bildungsreformer und -digitalisierer voneinander lernen können

Bild: Unterricht in einer Montessorischule. Lizenz: gemeinfrei

Dominik Schöneberg ist Lehrer für Physik sowie Philosophie und schreibt in seinem Blog „Bildungsluecken.net“ über systematische Mängel im Bildungssystem, „die allen motivierten Lehrerinnen und Lehrern die Arbeit schwer machen.“

In einem Blogartikel hast du Bildungsdigitalisierer*innen und -reformer*innen zur Zusammenarbeit aufgerufen, wieso?
Als ich in die Digitalisierungs-Diskussion eingetaucht bin, habe ich festgestellt, dass es in erster Linie um die Einbindung digitaler Tools ging. Der Hashtag #zeitgemäßeBildung hat dann problematisiert, dass die Digitalisierung alleine nicht ausreicht, sondern dass sie der Pädagogik dienen muss. Es hat lange gedauert, bis die Pädagogik durch den Hashtag #zeitgemäßeBildung in den Fokus gelangt ist. Viele Aspekte, die in der Diskussion um „zeitgemäße Bildung“ aufkommen, sind nicht neu. Sondern es sind Ideen aus der Reformpädagogik. Ich habe allerdings den Eindruck, dass dort noch Raum für Entwicklung ist. Es hat recht lange gedauert, bis die Pädagogik durch den Hashtag #zeitgemäßeBildung in den Fokus gelangt ist. Ich glaube, es würde vielen Digitalisierern und Digitalisiererinnen helfen, mit Menschen zu sprechen, die sich mit dem individualisierten Lernen schon lange beschäftigen. Es gibt einige Schulen, die da schon sehr weit sind und das Projektlernen oder kollaborative Lernsettings schon seit einigen Jahren analog umsetzen. Andererseits können die Bildungsreformer*innen auch viel von der Digitalfraktion lernen: Ich bin an einer sogenannten “Blick über den Zaun”-Schule. Das ist ein Schulverbund von reformorientierten Schulen, also Schulen, an denen eine sehr progressive Pädagogik vorherrscht. Bedarf haben sie beim Thema Digitalisierung. Das hat auch damit zu tun, dass an solchen Schulen oft Lehrer*innen unterrichten, die der Technik gegenüber kritisch eingestellt sind. Was ist zeitgemäße Bildung? „Momentan wird Bestehendes nur digitalisiert. Es wird wenig infrage gestellt.“ - Dejan Mihajlovic im Interview Wenn beide Seiten mehr zusammenarbeiten, würden sie sich gut ergänzen. Das war die Idee hinter dem Blogartikel: Eine Übersicht zu geben, wie Reformpädagogen und -pädagoginnen von der Digitalisierung profitieren können. Lernen ist ein individueller Prozess, der von den Lernenden selbst gestaltet werden kann. An dieser Stelle berühren sich Reformer*innen und Digitalisierer*innen, weil digitale Tools dabei helfen, diese Form des Lernens auch umzusetzen.

In deinem Blogartikel sprichst du viel über den Einsatz von Tools. Welche Rolle spielt für dich das Erschließen von Technik selbst, die Aneignung von technischen Kompetenzen?
Ein wichtiger Gedanke in der Reformpädagogik ist die Orientierung an der Lebenswelt. Die Schule sollte nach außen geöffnet sein, damit die Schülerinnen und Schüler auch das Außen kennenlernen. “Lebenskompetenz” ist hier das Stichwort. In diesem Rahmen ist es undenkbar, die digitale Welt nicht auch mit einzubeziehen. Aber ich sehe, dass die Reformpädagoginnen und -pädagogen noch Bedarf haben, diese Welt und ihre Vermittlung besser zu verstehen. Die Grenze beginnt dort, wo das Technische nicht mehr relevant für die Lebenswelt der Lernenden ist. Der Reformpädagogik geht es nicht darum, Lernende zu guten Arbeitskräften zu erziehen oder Programmierkenntnisse zu vermitteln, damit später mehr Informatiker*innen auf dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen.

Du selbst bist Lehrer für Philosophie und Physik. Wie setzt du den Zusammenhang aus reformpädagogischem und digitalem Lernen konkret um?
In Physik experimentiere ich viel mit Erklärfilmen und lasse die Lernenden selbst welche drehen. Es geht also auch darum, Medienkompetenz zu vermitteln. Dabei spielen dann auch das Schreiben eines Drehbuches sowie technische Aspekte des Filmens eine Rolle. Meine Erfahrung ist, dass Lernende sich auf diese Art und Weise ein Thema viel tiefgründiger aneignen, als durch den klassischen Unterricht. Es lohnt sich also, Zeit in diese Lehrform zu investieren. Im Fach Philosophie arbeiten wir recht viel in sehr offenen Projekten. Dabei nutze ich oft digitale Tools wie Padlet oder Trello als Mittel zur Projektorganisation. Aus meiner Sicht geht es im Philosophie Unterricht darum, zu philosophieren. Im Fach Philosophie kann Mediengebrauch auf allen möglichen Ebenen reflektieren werden. Die philosophischen Theorien sind dabei ein Hilfsmittel und stehen bei mir nicht im Mittelpunkt. Philosophieren lässt sich auch auf multimedialen Wegen, es muss nicht ein Text sein. Beispielsweise können die Lernenden kollaborativ eine Website erstellen und passende Medien gestalten. Dabei spielen dann auch immer medienkritische Aspekte eine Rolle, wie die Frage, was beispielsweise der Einsatz von Medien mit den Nutzenden macht. Philosophie ist also ein Fach, durch das ich Mediengebrauch auf allen möglichen Ebenen reflektieren kann. Bei mir geht es oft darum, mit Medien über Medien nachzudenken.

OER-Unterrichtsideen: Zeitgemäße Bildung mit digital gestützten Methoden

Viele Ideen, wie der Unterricht mit digitalen Tools bereichert werden kann, stellen Pädagog*innen frei zur Verfügung. Wie ist die Bereitschaft zur Erstellung von OER in deinem Umfeld?
Ich komme gerade von einem Netzwerktreffen von reformpädagogisch orientierten Schulen, an dem wir uns genau mit diesem Thema beschäftigt haben. Alle waren der Meinung, dass OER eine Riesenchance für die Reformpädagogik sind. Denn reformpädagogisch orientierte Lehrende arbeiten selten mit Büchern. Warum? Weil sie ja individualisierten Unterricht anbieten. Bücher verkörpern ja genau diesen “One-Size-Fits-All”-Unterricht, der für reformpädagogische Schulen nicht geeignet ist. Sie haben in der Regel eine große Sammlung von Materialien, auf die die Lernenden oft frei zugreifen können, die teilweise fünffach differenziert sind. Das haben die Schulen alles selber erarbeitet. Bei dem Treffen gab es die einhellige Meinung, diese Materialien teilen zu müssen, um den Arbeitsaufwand zu verringern und Ideen auszutauschen. An dieser Stelle können auch wieder Digitalisierer*innen und Reformer*innen voneinander lernen. Denn die Reformer*innen haben bereits viel Erfahrung im Erstellen von individualisierten Unterrichtsmaterialien gesammelt. Die Digitalisierer*innen dagegen haben mehr Erfahrung, wie sie technisch aufbereitet und durchsuchbar gestaltet werden können. Eine Zusammenarbeit, die ja auch edulabs fördert.

In einem Tweet hast du die Eignung angehender Lehrender kritisiert. Wie würdest du selbst deiner Kritik beikommen?
Lehrerausbildung braucht mehr praktische Ausbildungszeit. Das Referendariat sollte länger sein oder zumindest nach dem Abschluss noch begleitet werden. Aktuell ist es so, dass nach dem Referendariat niemals mehr jemand über den Unterricht der Lehrenden schaut. Das ist fragwürdig. Außerdem spielt die reformpädagogische Form des Lehrens in der Lehrerausbildung kaum eine Rolle. Studierende müssen sich solche Aspekte also eigenständig erarbeiten. Das liegt unter anderem daran, dass die angehenden Lehrenden ihre Prüfungen im Rahmen von Lehrproben ablegen müssen. Das ist quasi Show-Unterricht. Wenn da ein Studierender jetzt sagen würde: “Ich zeige wie Lernende eine Stunde selbstständig arbeiten,” würden die Fachleitenden wahrscheinlich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und sagen, dass sie mehr Lehrer-Präsenz sehen wollen. Ich habe in meiner Prüfung das Stationen-Lernen einbezogen, wovon mir mein damaliger Fachleiter abgeraten hat.

„Beteiligung ist eine Selbstwirksamkeits­erfahrung“
Marina Weisband ist Diplom-Psychologin und Projektleiterin von aula. Im Interview spricht sie über die Rolle und die Gestaltung politischer Bildung.

Wo liegt deiner Meinung nach die Verantwortung zu handeln, um die bestehenden Probleme zu überwinden: in der Politik, bei den Lehrenden oder Fachdidaktiker*innen?
Dazu plane ich gerade einen Blogartikel, mit dem einleitenden Satz “es gibt kein richtiges Leben im falschen”. Vieles im Schulsystem funktioniert nicht, ob das die Digitalisierung ist oder schülerzentriertes Lernen. Es gibt also für alle viel zu tun. Die Frage, die sich alle Lehrenden, jeder Schulleiter und jede Schulleiterin, jeder Fachdidaktiker und jede Fachdidaktikerin sowie politisch Aktive stellen sollten ist: Was kann ich tun, um die Situation zu verbessern? Das Entscheidende ist also, in allen Bereichen zu handeln. Ich als Lehrer kann das schon auf vielen Ebenen tun, indem ich zum Beispiel über meinen Blog Denkanstöße gebe oder Materialien teile. Ich versuche, meinen Unterricht ständig zu verbessern. So sollte es auch auf der politischen Ebene oder der der Fachdidaktiker*innen sein. Wichtig dabei ist, dass man Lehrenden, die anders vorgehen, die Neues versuchen, nicht noch einredet, politisch aktiv werden zu müssen, weil sich ja sonst nichts verändert. Jeder muss seinen persönlichen Weg gehen. Die Hauptsache dabei ist, dass sich etwas verändert. Vielen Lernenden geht es nicht gut, sie gehen nicht gerne zur Schule. Wichtig dabei ist auch, dass wir die Schülerinnen und Schüler einbeziehen. Denn vielen Lernenden geht es nicht gut, sie gehen nicht gerne zur Schule. Wir müssen sie in den Wandlungsprozess einbeziehen, damit sich dieser Zustand verändert. Wir müssen sie fragen, was ihrer Meinung nach gut ist, wann sie besser lernen. Das ist auch Teil der reformpädagogischen Agenda. Zu diesem Thema gibt es ja auch bereits tolle Projekte, wie beispielsweise aula.

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