Was ist Freie Pädagogik?

Bild: David Wiley. Lizenz: CC BY-SA 2.0

Im Original von David Wiley, Oktober 2013
Übersetzt von Anna-Lena Öhmann, Oktober 2017

Hunderte Texte sind schon über Open Educational Resources (OER) geschrieben worden und doch gibt es ziemlich wenig darüber, wie OER – oder besser Freiheit im Allgemeinen – das alltägliche Lernen und die Bildung verändern. OER anstelle von teuren, kommerziellen Quellen zu nutzen spart definitiv Geld und verbessert den Zugang zu grundlegenden Lern- und Lehrmaterialien. Letzteres unterstützt in erheblichem Maße die Lernerfolge von Schüler*innen und Studierenden, die sonst keinen Zugriff auf das Material hätten (zB. weil sie sich keine teuren Lehrbücher leisten können). Wenn der Anteil solcher Schüler*innen und Studierenden hoch genug ist, sind deren Lernerfolge im Vergleich zu Zeiten ohne OER sogar statistisch messbar. Es ist in jedem Fall ein Gewinn, gleichzeitig Geld zu sparen und die Lernerfolge zu erhalten (vielleicht sogar zu verbessern). Aber freie Bildung hält weitaus mehr bereit.

OER in der gleichen Weise zu nutzen, wie kommerzielle Lehrbücher, schöpft ihr volles Potenzial nicht aus. Freie Bildungsmaterialien verlangen zwangsläufig ein anderes Nutzerverhalten. Denn der Zugang zum Internet und der technologische Fortschritt ermöglichen ganz andere Herangehensweisen und Vermittlungsstrategien als herkömmliche Textbücher. Ebenso wenig wie ein Flugzeug über Straßen und Autobahnen fährt, wie ein Auto, nur weil es ebenfalls diese Fähigkeit besitzt, sollten OER als klassische Lehrwerke verwendet werden. Es stellt sich also die Frage, welche Vorteile OER gegenüber kommerziellen Lehrbüchern haben. Sie sind:

  • uneingeschränkt zugänglich
  • uneingeschränkt wiederverwendbar
  • uneingeschränkt überarbeitbar
  • uneingeschränkt neu zusammenstellbar
  • uneingeschränkt umverteilbar

Daraus ergeben sich folgende Fragen: Wie sind diese Fähigkeiten untereinander verbunden? Wie kann man sinnvoll für uns bekannte Lern- und Lehrstrategien einsetzen? Weiterhin gilt es zu beantworten, wie wir Bildung auf Grundlage dessen erweitern, überarbeiten und neu zusammenstellen können. Es gibt viele verschiedene Wege, diese Fragen zu beantworten, im Folgenden ein Beispiel:

„Wegwerf-Hausaufgaben“ aufgeben
Wenn jemand in den letzten Monaten etwas von David Wiley gehört oder gelesen hat, ist er vermutlich darauf gestoßen, wie er gegen sogenannte „Wegwerf-Hausaufgaben“ (disposable assignments) argumentierte. Studierende beschweren sich darüber diese Aufgaben erfüllen und Lehrkräfte darüber die Ergebnisse bewerten zu müssen. Die Bearbeitung der Aufgaben hat keinen Mehrwert – Studierende verbringen einige Stunden mit dem Bearbeiten einer Aufgabe, Lehrende eine halbe Stunde mit dem Bewerten und danach landet die Arbeit im Papierkorb. Im Endeffekt ist es eine große Verschwendung von Zeit und Intellekt.

Wie wäre es, wenn man die „Wegwerf-Hausaufgaben“ so verändert, dass die Ergebnisse sinnvoll genutzt werden können, anstatt Mittel zum Zweck zu sein? Studierende und Lehrende bekämen eine ganz neue Einstellung zur investierten Zeit und Arbeit. Es macht einen Unterschied, wenn die Aufgaben und deren Ergebnisse noch weiter genutzt werden können.

Doch welche vorhandenen Methoden müssen anders genutzt und strukturiert werden, um die „Wegwerf-Hausaufgaben“ abzuschaffen? John Hattie’s Buch Visible Learning ist eine gute Grundlage für effektive Methoden. In dem Buch stellt Hattie Erkenntnisse aus über 800 Metaanalysen von 50.000 Studien mit 80.000.000 Studierenden zusammen, um durchschnittliche Effektgrößen für über 130 Einflüsse auf das Lernen zu erzielen – Einflüsse von den Studierenden selbst, über die Lehrenden, die Lehrmethoden, bis hin zu den Institutionen. Hier nur ein paar Beispiele, die mir in Erinnerung geblieben sind (die Seitenzahlen sind aus der ersten Ausgabe des Buches):

Lehrer-Schüler-Beziehung = 0,72
„Die Entwicklung von Beziehungen erfordert Fertigkeiten des Lehrers - zum Beispiel die Fähigkeiten des Zuhörens, Empathie, Fürsorge und die positive Rücksichtnahme auf andere … Lehrende sollten lernen die Entwicklung ihrer Studierenden zu unterstützen, indem sie ihnen zeigen, dass sie sich für den Lernfortschritt eines jeden Einzelnen und den Mensch dahinter interessieren.“ (S.118f)

Lehrer-Klarheit = 0,75
„Klarheit – von den Schüler*innen bewertet (nicht von anderen Lehrenden) – in „Organisation, Erklärungen, Beispielen, Aufgabenstellungen und der Bewertung der Lernleistung der Schüler*innen“ (S.126)

Angewandte Beispiele = 0,57
„Angewandte Beispiele reduzieren die kognitive Belastung für Schüler*innen, sodass sie sich auf die Prozesse konzentrieren, die zur richtigen Antwort führen und nicht nur eine Antwort liefern.“ (S.172)

Organisieren und Transformieren = 0,85
„Offene oder verdeckte Neuanordnung von Unterrichtsmaterialien zur Verbesserung des Lernens. (z.B. Erstellen eines Entwurfs vor dem Schreiben einer Hausarbeit) … Die Arten von Strategien, die in dieser Kategorie enthalten sind (z.B. Zusammenfassung und Paraphrasierung), fördern eine aktivere Herangehensweise an Lernaufgaben.“ (S.190f)

Feedback = 0,73
S. 173-178

Gegenseitiges Lehren = 0,74
„Der Fokus liegt auf Lehrenden, die es ihren Schülern ermöglichen, kognitive Strategien zu erlernen und zu nutzen, wie Zusammenfassen, Befragen, Klären und Vorhersagen… Die Effekte für das gegenseitige Lehren waren am höchsten, wenn kognitive Strategien im Vorhinein unterrichtet wurden.“ (S. 204)

Ein Beispiel von Freier Pädagogik
Ausgehend davon, dass alle Materialien, die Lehrende im Unterricht verwenden, OER sind, folgt hier eine Liste mit Ideen, wie die oben genannten Praktiken sinnvoll miteinander vermischt und mit OER kombiniert werden können. Eine Kombination, die Lehrenden und Lernenden die Möglichkeit gibt, ihre Zeit und Energie in Dinge zu stecken, die nachnutzbar sind.

  • Zunächst sollte der Lehrende eine Verbindung und Vertrauen zu den Lernenden aufbauen. Denn es geht darum, dass die Lernenden etwas tun, dass sie noch nie zuvor ausprobiert haben. Darauf lassen sie sich nur ein, wenn sie der Lehrperson vertrauen.
  • Eine klare Aufgabenstellung formulieren – die Lernenden überarbeiten und vermischen die wichtigsten Unterrichtsmaterialien der Klasse (die OER sind) mit anderen OER und mit ihrer eigenen ursprünglichen Arbeit, um ein kleines Tutorial (in einem beliebigen Medium) zu einem Thema zu erstellen. Das Thema wird nach den Lernschwächen der Unterrichtsgruppe ausgewählt, sodass die Lernenden sich die Inhalte tatsächlich erarbeiten. Im Anschluss nutzen sie das Tutorial, um ihren Mitschüler*innen das Thema beizubringen. Die besten Tutorials ergänzen in Zukunft die offizielle OER Materialsammlung oder ein offenes Lehrbuch und können so für die kommenden Semester genutzt werden.
  • Zusätzlich zu der präzisen Aufgabenstellung sollte auch genau festgehalten und besprochen werden, wie die Aufgaben benotet werden und was erwartet wird.
  • Einige funktionierende Beispiele zeigen. Wenn zum ersten Mal mit OER Material gearbeitet wird, dann sollten die Lernenden zunächst das Material kennenlernen und die Methode verstehen. Am besten arbeitet man sich gemeinsam mit den Lernenden mit vorhandenen OER Material zu einem Beispielthema durch, das ihrer Fragestellung entspricht und erklärt anhand dessen die Arbeitsweise. Im Idealfall kann man natürlich Arbeiten von früheren Lerngruppen als Beispiele zeigen.
  • Lernende dazu animieren selbst Material zusammenzustellen. Im Hinblick auf das gegenseitige Unterrichten sollten die Lernenden die Unterlagen sichten, zusammenfassen, selbst hinterfragen und verstehen, um eine sinnvolle Auswahl zu treffen.
  • Konstruktive Kritik zu den erarbeiteten Materialsammlungen und eine Überarbeitung der Tutorials ist essenziell.
  • Im Anschluss können die Lernenden sich gegenseitig ihr Material vorstellen und es bearbeiten. Unter Berücksichtigung der ersten Erfahrung mit den Mitschüler*innen werden die Tutorials und Materialsammlungen endgültig überarbeitet und fertiggestellt.
  • Am Ende wird die Arbeit aller gewürdigt und den Schüler*innen dazu gratuliert, dass ihr Tutorial in die offiziellen Unterrichtsmaterialien aufgenommen wird.

Diese Aufgabenstellung unterstützt eindeutig das Wiederverwenden, Überarbeiten, Zusammenstellen und Umstrukturieren von OER und ermöglicht Lernenden das offizielle Unterrichtsmaterial zu erweitern und zu verbessern. Da die Studierenden wissen, dass ihre Arbeit sowohl von ihren Mitschüler*innen als auch von zukünftigen Lerngruppen genutzt wird, haben sie einen anderen Ansporn Zeit in Aufgaben zu investieren. Außerdem können sie selbst das Arbeitsmedium bestimmen, sodass sie eine Arbeitsweise finden, die ihnen Spaß macht. Seitens der Lehrenden besteht der größte Ansporn darin, dass sie gemeinsam mit den Studierenden Material erarbeiten, um schwierige Themen einfacher zu unterrichten und zu verstehen. Dadurch erhöht sich die Bereitschaft für Rückmeldung und Unterstützung von Studierenden.

Beispiele für die studentische Arbeit im Kontext der freien Pädagogik
Ich wiederhole einige Versionen dieser Methode jetzt seit einigen Jahren. Obwohl es nicht überall gleich gut funktioniert, sind die Ergebnisse Studierenden meist unfassbar gut. Eines der ersten Male endete damit, dass Kennedy and Nixon über die Vor- und Nachteile von Blogs und Wikis diskutierten - „Rick Noblenski: Blasting Caps Expert and Wiki Advocate“ und eine Konfrontation von Vater und Sohn über „District Policies Regarding Blogs and Wikis“.

Spätere Lerngruppen erarbeiteten auf diese Weise ein freies Lehrbuch „Project Management for Instructional Designers“. Darin finden sich heute unter anderem mehrere Videoanalysen; neue Textbeispiele; ein ausführlicher Glossar; sämtliche Inhalte sind angelehnt an die „Project Management Professional“-Zertifizierung und es gibt downloadbare HTML, PDF, ePub, MOBI und MP3 Versionen des Buches. Inzwischen wird das Buch als offizielles Lehrbuch an mindestens einer anderen Universität verwendet.

Natürlich bin ich nicht der Einzige, der mit solchen Methoden experimentiert. Murder, Madness, and Mayhem: Latin American Literature in Translation – ist eine weitere meiner Lieblingsproduktionen (in diesem Essay finden Sie eine Beschreibung).

Freie Pädagogik definieren
Was ist an dieser Methode so anders, dass man sie als freie Pädagogik bezeichnet und nicht als eine andere Art, wie wir Lernenden sagen, was sie zu tun haben? Wie schon erwähnt, kann diese Aufgabe nur mit freien Lizenzen für freies Material realisiert werden. Es ist ein Test, ob eine solche Methode als „Freie Pädagogik“ bezeichnet werden kann – ist es möglich ähnliches ohne freien Zugang und die 4R Berechtigung (aus dem Engl.: reuse, revise, remix, redistribute = wiederverwenden, überarbeiten, neu zusammenstellen, umverteilen) umzusetzen? Wenn ja, dann wurde bis jetzt schon sehr effektiv unterrichtet, aber es ist dennoch keine Freie Pädagogik. Freie Pädagogik ist eine bestimmte Sammlung von Lehr- und Lernmethoden, die nur mit freiem Zugang zu Unterrichtsmaterial und der 4R Berechtigung funktionieren.

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