Über Coding ab der Grundschule und wie das gelingen kann

Bild: Maximilian Voigt: Der Calliope mini. Lizenz: CC-BY 4.0

Bild: Maxim Loick

Maxim Loick ist Mitgründer des CoderDojos Bonn und der gemeinnützigen GmbH Calliope, die den Einplatinencomputer Calliope mini für den Einsatz an Grundschulen produziert.

Maxim, warum steckst du so viel Zeit in ehrenamtliches Engagement?
Gerade liegt das CoderDojo Bonn leider etwas brach, da ich viel Zeit in Calliope und in ein anderes Startup stecke. Gegründet hatte ich es aber wegen meiner beiden Kinder. Ich wollte, dass sie informatische Themen praktisch entdecken können. Die Möglichkeit gab es zu diesem Zeitpunkt in Bonn aber noch nicht oder war mir nicht bekannt. Dann bin ich im Internet über die CoderDojo-Bewegung gestolpert, fand die total cool und habe dann auch eines für ein Jahr betreut, bevor mir dann die Zeit weggelaufen ist. Momentan möchte ich das Dojo mit anderen Initiativen in Bonn zusammenführen, um es zu verstetigen. Denn ich finde die Herangehensweise der CoderDojos sehr gut, die da ist: Ich weiß auch nicht genau, wie es geht, liebe Kinder. Also lasst es uns zusammen im Internet recherchieren und die Probleme, die wir uns vorher selbst gestellt haben, gemeinsam lösen. Das ist eine Herangehensweise, mit der man den Jugendlichen und Kindern auf Augenhöhe begegnet und sich nicht als Oberlehrer vor sie hinstellt und sagt: Hier habe ich die Lösung, mach das so.

Stichwort „macht das so“, warum sollen Kinder sich schon früh technisch bilden?
Weil diese Kenntnisse in der gegenwärtigen Zeit dringend notwendig sind, um beruflich, sozial und gesellschaftlich vorankommen zu können. Sie müssen Grundkenntnisse von informationstechnischen Themen haben, wie von automatisierter Datenverarbeitung und der Funktionsweise von Computern sowie Algorithmen. Einfach um Aspekte beurteilen zu können, selbst gestalten zu können, um nicht angsterfüllt vor den bösen Algorithmen stehen zu müssen, die uns eines Tages unterwerfen werden.

Wie gehst du im CoderDojo konkret vor, um diese Grundkenntnisse zu vermitteln?
Die Arduino-Plattform im Unterricht
Was ist die Arduino-Plattform und welche Vor- und Nachteile hat sie für die Anwendung im Schulunterricht?
Erst mal ist es wichtig, dass es eine Kontinuität gibt. Hackathons sind schön und gut, aber regelmäßige Treffen sind besser. Bei denen habe ich dann anfangs erst mal gefragt: „Was wollt ihr machen?“ In der Regel kam dann: „Minecraft!“
Das coolste Projekt kam mit einem zwölfjährigen Jungen, der einen Arduino basierten Roboterbausatz ins Dojo brachte. Nachdem wir den gemeinsam zusammengesteckt hatten, kam die Idee auf, ihn über Twitter zu steuern, mit Tweets wie: „fahr links“, „fahr rechts“. Das war eine Herausforderung, weil die Daten sinnvoll interpretiert werden mussten.

Wo bist du bei dieser Bildungsarbeit an Grenzen gestoßen?
Wenn wir zu viele Kinder und zu wenig Mentoren hatten. Insbesondere, wenn die Kinder jünger waren, kam dann Langeweile auf. Aber auch dann, wenn ich als Mentor zu lange gebraucht habe, um Probleme, die wir uns selbst gestellt hatten, zu recherchieren. So ein CoderDojo-Nachmittag muss sehr konkret vorbereitet werden, weil es sonst lange Recherchephasen gibt, die langweilig für die Kinder sind. Aber das ist eine klassische Herausforderung von Pädagogen, das Interesse der Kinder aufrecht zu halten. Sie schweifen ab, wenn sie überfordert sind.

Reicht es, wenn gemeinnützige Initiativen die technische Bildung übernehmen?
Auf gar keinen Fall! Denn Kinder, wie der zwölfjährige Junge und sein Arduino-Roboter, hätten mich und das CoderDojo wahrscheinlich nicht gebraucht. Er war selber so interessiert und kam aus einem Elternhaus, wo das Interesse gefördert wurde. Kinder, die es am nötigsten haben, Kinder aus schwierigen Elternhäusern, werden durch solche Initiativen nicht erreicht. Deswegen müssen diese Themen über das Schulsystem vermittelt werden, das versuchen wir mit Calliope.

Der Calliope mini ist eine kinderfreundliche Hardware, die schon früh die Möglichkeit gibt, sich mit dem Programmieren auseinanderzusetzen. Was fehlt denn noch, damit das auch breit in Schulen umgesetzt wird?
Ein wesentlicher Bestandteil des Calliope Projektes ist es, das Gerät und damit die IT-Themen Bundesweit ins Schulsystem zu bringen. Wir versuchen mit sechzehn Bildungsministerien dahin zu kommen, dass sie sagen: Ja, wir nehmen die durch Calliope vermittelbaren Lerninhalte so fest in unsere Lehrpläne auf, dass diese verpflichtend vermittelt werden müssen. Ob das dann auch mit dem Calliope mini umgesetzt wird, ist eigentlich sekundär, auch wenn wir gute Gründe nennen können, es mit diesem Mikrocontroller zu tun. Primär ist, dass informatische Grundprinzipien ab der ersten Klasse unterrichtet werden. Wenn wir Kinder möchten, die im erwachsenen Alter selbstbestimmt und differenziert Aspekte beurteilen können sollen, in einer von Algorithmen und Daten durchwirkten Welt, dann müssen wir diese Kenntnisse und Fähigkeiten ab der Grundschule lehren. Calliope ist dabei eine Stoßrichtung.
Es hapert an Folgendem: Die Lehrpläne müssen nach bestehenden Lerninhalten gescannt werden, die mit einem Mikrocontroller vermittelt werden können. Denn was wir nicht wollen, ist, dass wir Fachidioten ausbilden. Wir möchten konkrete Probleme lösen, die aus dem Leben gegriffen sind.
Ein Beispiel für die Grundschule ist der Sprung von einstelligen zu zweistelligen Zahlen. Das ist für viele Kinder sehr schwierig. Wenn sich diese Thematik mit einem Calliope spielerisch aneignen lässt, dann lernen sie nebenbei, dass so ein Mikrocontroller etwas ganz normales ist - ein Handwerkszeug. Sie kriegen damit aber auch die Lehrinhalte vermittelt, die sowieso vermittelt werden müssen, die in den Lehrplänen stehen.

Wie werden die Lehrenden bei der Umsetzung konkret unterstützt?
Ein zentraler Bestandteil ist die Lehrerfortbildung. Im Saarland wird diese beispielsweise vom Landesinstitut für Pädagogik und Medien umgesetzt. In anderen Bundesländern sind wir noch nicht ganz so weit, dort gibt es Fortbildungen auf freiwilliger Basis, die von Open Roberta angeboten werden.
Zweitens muss entsprechendes didaktisches Material geschaffen werden, das den Lehrern eine Anleitung gibt, wie sie ihren Unterricht konkret vorbereiten können. Das Material entsteht und ist beispielsweise auf der Plattform App Camps zu finden.

„…OER finde ich super, weil die Bildung eine öffentliche Aufgabe ist, dementsprechend muss auch das Material öffentlich nutzbar sein…“ Der Calliope ist Open Source Hardware sowie Software, auch die Materialien sollen als Open Educational Resources (OER) veröffentlicht werden, warum?
Weil diese Kenntnisse allen Menschen zur Verfügung stehen sollten und nicht nur denen, die das nötige Kleingeld haben, um sich das lizenzierte Material leisten zu können.
Das Prinzip von OER finde ich super, weil die Bildung eine öffentliche Aufgabe ist, dementsprechend muss auch das Material öffentlich nutzbar sein, ohne zusätzliche Kosten zu verursachen. Mit Calliope haben wir es erstmals geschafft, einen Schulbuchverlag dazu zu bringen, Schulmaterial für Calliope mini unter der Creative Commons Lizenz share alike (sa) zu publizieren. Darauf sind wir auch ein bisschen stolz.

Kommentare
Philip

Philip

Ich finde da einige Ungereimtheiten in der Argumentation und hatte vor einiger Zeit ein paar Dinge kritisch angemerkt zu den Positionen von Maxim Loick (leider noch keine Reaktion von ihm): https://pstade.wordpress.com/2017/10/02/immer-frueher-digitale-medien-in-der-grundschule/

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