Über Kryptographie und wie man sie vermittelt

Bild: Walzenfenster der Enigma-M4. Lizenz: CC0

Bild: Jochim Selzer. Lizenz: CC-BY 4.0

Jochim Selzer ist Datenschützer, Mitglied des Chaos Computer Clubs und beruflich als Administrator tätig. Einmal im Monat veranstaltet er mit Engagierten Cryptopartys in Bonn und Köln, um für das Thema Datenschutz zu werben und seine praktischen Erfahrungen weiterzugeben. Auch an Schulen hat er bereits Workshops angeboten und möchte jetzt Materialien entwickeln, mit denen auch Andere das Thema Datenschutz vermitteln können.

Jochim, was ist denn eine Cryptoparty, wird da getanzt?
Eine Cryptoparty ist von der Idee her ein Raum, vollgestopft mit Menschen, woraus sich eine Art Party-Atmosphäre ergibt. Es läuft Musik, es gibt Essen und Getränke sowie ein paar gemütliche Sitzmöglichkeiten. Die ursprüngliche Idee war, dass in möglichst lockerer Atmosphäre, Experten Laien selbstständig Kenntnisse in verschiedenen Verschlüsselungstechniken auf dem Computer vermitteln. Das, was halt passiert, wenn Australier eine Veranstaltung planen - ein bisschen Durcheinander.
Das haben wir in Deutschland auch probiert. Zumindest im Raum Köln/Bonn kam dann die Kritik: „Das ist alles viel zu unstrukturiert, wir hätten es gerne geordnet. Da muss ein Referat gehalten werden.“ „Gut“, haben wir gesagt, „dann gehen wir mal in die Seminare der Universitäten und machen da eine solche Veranstaltung“. Dann hieß es: „Ja, ne, das ist ja eine reine Seminaratmosphäre. Wo ist der Partygedanke?“
Inzwischen planen wir die Veranstaltung im Raum Köln/Bonn so, dass sie ungefähr zwei Stunden dauert. In der ersten Stunde gibt es ein kurzes Referat, damit die Besucher*innen wissen, worum es geht: Was ist IT-Sicherheit überhaupt? Worauf sollte man achten? Welche Software gibt es? Anschließend ist eine kurze Pause und dann geht es in den wuseligen Arbeitsgruppen-Teil über. Die Besucher*innen können dann entscheiden. Normalerweise ist es so, dass sie sich zu drei Themen zusammenfinden: E-Mail-Verschlüsselung, Anonymisierung und Datenträgerverschlüsselung. Es entstehen dann kleine Arbeitsgruppen, die dann jeweils von einer Person von uns angeleitet werden.

„Ich möchte nicht, dass andere Menschen in mich hineingucken können.“ Das klingt nach offenen pädagogischen Prinzipien. Warum sind diese Themen denn wichtig?
Weil der Computer praktisch ein ausgelagertes Ich ist, ein ausgelagerter Kopf, in dem meine Gedanken und Geheimnisse stecken. Ich möchte diese Geheimnisse auf irgendeine Art und Weise geschützt wissen. Ich möchte nicht, dass andere Menschen in mich hineingucken können. Sie können es, wenn ich beispielsweise mit anderen kommuniziere und sie irgendwelche Daten abfangen.
Allgemein bin ich der Meinung, und jetzt kommt die politische Ader hinein, dass wir spätestens durch die Snowden-Enthüllungen mitbekommen haben, dass anlasslos der Datenverkehr im Internet abgehört wird. Damit stehen praktisch alle Internetnutzer*innen weltweit unter Generalverdacht. Ich bin der Meinung, dass aus diesem Grund ein deutliches Gegensignal nötig ist. Es ist legitim, dass Sicherheitsbehörden ein wachsames Auge haben. Aber den kompletten Datenverkehr des Netzes dafür zu belauschen und zu analysieren, geht einfach zu weit. Das ist eine Verdächtigung, bei der wir glauben, dass bestimmte Grundrechte des Menschen verletzt werden, wie das Grundrecht auf Privatsphäre.
Das Problem ist, dass man den meisten Menschen nicht mit E-Mail-Verschlüsselung kommen kann. In der Regel nutzen sie WhatsApp. WhatsApp ist inzwischen verschlüsselt. Dann denken viele: “Super, Problem gelöst.” Das Problem bei WhatsApp besteht aber weniger darin, dass die Daten abgehorcht werden, sondern vielmehr darin, dass WhatsApp beziehungsweise Facebook ein sehr genaues Profil des Nutzers mithilfe der Metadaten erstellen kann. Die Informationen, wann wer mit wem wie lange kommuniziert, sind so aufschlussreich, dass es uninteressant ist, worüber gesprochen wurde. Dazu gibt es bereits interessante Untersuchungen:
Beispielsweise gab es eine junge Frau, die stundenlang in der Nacht mit ihrer Mutter telefoniert hat, um am nächsten Morgen eine Abtreibungsklinik anzurufen. Da brauchst du gar nicht wissen, worüber sie gesprochen haben. Metadaten sind verräterisch. Wenn ordentlich Statistik angewendet wird, lassen sich recht genaue Rückschlüsse auf den Inhalt einer Kommunikation ziehen, ohne ihn gelesen zu haben.

„Die Marktmacht von Facebook ist nicht in Stein gemeißelt.“ Was antwortest du Personen, die sagen: „Okay, das ist problematisch. Aber wenn ich Apps wie Signal nutze, dann ist da niemand, mit dem ich kommunizieren kann.“?
Viele werden sich vielleicht nicht daran erinnern, aber vor einigen Jahren wusste niemand, was dieses Facebook ist. Alle waren bei schülerVZ und studiVZ. Ein halbes Jahr später hat kein Mensch mehr über die diversen VZs gesprochen, weil alle bei Facebook waren. Worauf ich hinauswill: Die Marktmacht von Facebook ist nicht in Stein gemeißelt. Wenn irgendeine andere Plattform mit einem anderen coolen Feature kommt, dann kann Facebook so schnell vom Markt verschwinden, wie es da hingekommen ist. Kein Mensch will verschlüsseln, alle wollen nur mit anderen kommunizieren. Sicherheit ist ein Feature, für Menschen, die in Firmen arbeiten, die Geschäftsgeheimnisse haben. Der Rest will nur eine coole Plattform haben. Es muss nur irgendjemand mit etwas kommen, das noch niemand hat. Keiner weiß, was es ist. Wenn ich das wüsste, würde ich ein fettes Startup haben.

Das heißt, dass Signal und andere Apps cooler werden müssen?
Ja. Ein schönes Beispiel ist Telegram. Telegram ist, was die Verschlüsselung angeht, nicht besonders toll. Aber Telegram hat etwas, was die anderen Apps nicht haben: Sticker. Ich habe schon mehrfach Menschen auf Telegram bekommen, weil sich jeder diese Sticker-Packs runterladen kann. Die Menschen sind bereit, eine Plattform aufzugeben oder zu akzeptieren, wenn sie etwas hat, was ihnen richtig gefällt, wie diese Sticker.
Das alles ist zu viel für eine Cryptoparty. Wir geben den Besucher*innen einen relativ wertneutralen Überblick, wie sie ihre Privatsphäre schützen können.

Du möchtest diese Themen auch für Schulen erfahrbar machen und für den Unterricht aufbereiten. Wie lässt sich das konkret umsetzen?
Das einfachste, was man machen kann, ist zu zeigen, wie Datenverkehr aussieht, wenn er beschnüffelt werden kann. Also welche Art von Daten gebe ich zwangsläufig von mir preis, wenn ich im Netz surfe, und wie sehen sie aus, wenn sie über eine Leitung gehen. Damit erkennt man, dass praktisch jede Bewegung im Netz etwas über mich verrät. Anschließend kann man interpretieren, was damit möglich ist.

Wie würdest du beispielsweise Zwölfjährige abholen?
Zwölfjährige sind schwierig. Der Grund ist, dass sie heilfroh sind, wenn sie von den Eltern ein Smartphone bekommen haben. Wenn ich denen jetzt komme mit: „Das Foto, was du jetzt von dir über eine Socialmedia-Plattform hochlädst, wird dir in zwanzig Jahren zum Verhängnis werden.“ Das ist für die Altersgruppe völliger Quatsch. Denn sie bekommen die Auswirkungen erst dann mit, wenn sie noch einmal so alt werden, wie sie es gerade sind. Das ist für sie so fern, dass es ihnen total egal ist.

Wann würdest du denn ansetzen?
Eher ab sechzehn, wenn sich die Jugendlichen ihre ersten politischen Gedanken machen. Dann tauchen Fragen auf, wie: „Wohin will ich, dass sich die Gesellschaft entwickelt?“ Dann können wir kommen, und fragen, ob sie es möchten, dass Gespräche mit ihrer Freundin oder ihrem Freund mitgehört werden können.
Ich würde mit einer Doppelstrategie anfangen und erst diskutieren, was Privatsphäre ist und wo ihre persönliche Grenze liegt. Nach der Problematisierung lässt sich das Thema konkret angehen.

„Ich bräuchte Menschen, die mit mir eine gute Geschichte entwickeln“ Was benötigst du konkret, um das umzusetzen?
Ich habe die Idee, ein portables Labor zu bauen, mit dem Datenverkehr visualisiert werden kann. Außerdem möchte ich ein bestehendes Rallye-Konzept aufarbeiten und ausweiten, das wir bisher nur in Gebäuden umgesetzt haben. Technisch schaffe ich das. Was mir für die Umsetzung noch fehlt, ist Hilfe, es schön zu machen, es nicht nur für Nerds umzusetzen. Ich bräuchte Menschen, die mit mir eine gute Geschichte entwickeln, die auch eine 10. Klasse anspricht. Das ist ein Grund, weswegen ich auch bei edulabs Köln/Bonn mitmachen möchte. Ich hätte auch gerne ordentliche Handbücher. Ich kann den Hintergrund liefern, aber was das Layout angeht, bin ich völlig untalentiert.

Kommentare

Markdown ist erlaubt. Die Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Mitmachen

Freie Bildungsmaterialien sind Dir wichtig? Du findest, dass digitale Bildung mehr als ein digitales Arbeitsblatt ist?
Dann freuen wir uns auf Dich und Deine Erfahrungen.