Wundersames Netz: Mehrwert von OER in der Praxis

Bild: Andreas Kalt. Lizenz: CC-BY 4.0

Andreas Kalt ist Lehrer für Englisch, Erdkunde, Biologie, Naturwissenschaft und Technik sowie Medienkunde am Kreisgymnasium Neuenburg. Über diverse Internetauftritte veröffentlicht er seit einigen Jahren Unterrichtsmaterialien, Methoden und Gedanken unter einer freien Lizenz. Wir haben mit ihm über seine Erfahrungen mit Open Educational Resources gesprochen.

Du bist auch unter dem lateinischen Pseudonym „Rete Mirabile“ bekannt, was „wundersames Netz“ bedeutet. Um welches Netz geht es da und wieso ist es so wundersam?
Während meines Biologie-Studiums ist mir das biologische Phänomen des Rete Mirabile begegnet. Das ist eine besondere Anordnung von Blutgefäßen, die bei Säugetieren und Vögeln vorkommt. Zu dieser Zeit habe ich auch verstärkt begonnen, digital zu arbeiten. Daraus hat sich meine Interpretation des wundersamen Netzes ergeben: dass man mehr erreichen kann, wenn man sich als Mensch oder Lehrer digital vernetzt – das ist das „wundersame“ daran. Rete Mirabile schien mir dafür eine schöne Metapher zu sein. Es hatte auch den Vorteil, dass die Domain noch frei war.

OER-Unterrichtsideen: Zeitgemäße Bildung mit digital gestützten Methoden Seit einigen Jahren veröffentlichst du Materialien unter einer freien Lizenz, die auch in der edulabs-Sammlung von Unterrichtsideen auffindbar sind. Was motiviert dich dazu?
Die Materialien, die ich veröffentliche, brauche ich für meinen eigenen Unterricht. Das ist Arbeit, die ich sowieso leiste und die ich lediglich frei zugänglich mache. Was motiviert mich dazu? Ich finde den Gedanken des Teilens sinnvoll. Es macht mir Freude, zu sehen, dass diese Materialien von anderen genutzt werden. Ich kenne dieses Verlustgefühl nicht, das oft an mich herangetragen wird, wenn man mir sagt: „Du hast da so viel Arbeit hineingesteckt und schenkst sie jetzt her?“ Es würde mir nichts bringen, die Materialien für mich zu behalten. Im Gegenteil: Es ist eine deutlich schönere Sache, wenn sie für andere Menschen nützlich sind. Natürlich ist da auch eine gewisse Eitelkeit im Spiel. Ich freue mich darüber, eine Anzahl von Aufrufen oder Lob zu bekommen. Dabei denke ich fast nie an Menschen, die das missbrauchen könnten.

Es macht mir Freude, zu sehen, dass meine Materialien von anderen genutzt werden. Musstest du dich besonders umstellen, nachdem du dich für das Veröffentlichen deiner Materialien entschieden hast?
Als ich angefangen habe zu bloggen, habe ich auch Arbeitsblätter ins Netz gestellt. Auch mit fremden Abbildungen darauf. Das war 2005 oder 2006, damals dachte ich noch nicht an das Urheberrecht oder Lizenzen. Ein paar Jahre später habe ich dann mache Sachen wieder herausgenommen, weil die Abbildungen teilweise aus Schulbüchern stammten. Die meisten Veröffentlichungen waren aber eigene. Mein Wiki war dann später wie eine Offenbarung. Denn plötzlich war es so einfach, die Materialien online zu veröffentlichen. Denn im Gegensatz zu einem Blogpost, der nach meinem Gefühl fertig sein muss, wenn er veröffentlicht wird, kann eine Wiki-Seite auch unfertig sein. Niemand wundert sich, wenn ein Eintrag im Wiki noch in Bearbeitung ist. Im Wiki veröffentliche ich insbesondere Methoden oder Materialien, die ich im Unterricht immer wieder brauche. Sie sind dadurch für mich und meine Schüler*innen leichter zugänglich. Lehrende kennen das: Man teilt ein Arbeitsblatt aus und hat in dieses viel Arbeit hineingesteckt. Nach ein paar Wochen hat es die Hälfte der Klasse verloren. Wenn ich einen Link verschicke, ist das wesentlich einfacher und nachhaltiger. So sind meine Arbeitsmethoden auf meine Online-Plattform gekommen.

Du benutzt dieses Wiki auch in deinem Unterricht. Wie gehst du damit um, dass die Lernenden deine digitale Persönlichkeit kennen?
Ich habe da schon sehr bewusst drüber nachgedacht. Es gab mal eine Situation im Referendariat, als ein Schüler mitten im Unterricht ein Satz zitiert hat, den er von meinem Blog hatte. Da war klar, dass er auf meiner Seite war. Das war der Moment, in dem ich gemerkt habe: Natürlich ist das, was ich da tue, öffentlich. Da musste ich kurz schlucken und überlegen, was er jetzt alles gesehen haben könnte. Seit diesem Zeitpunkt ist mir das sehr bewusst und ich versuche meine Online-Präsenz positiv zu gestalten. Alles was da steht, sollte so gestaltet sein, dass ich auch im persönlichen Kontakt dazu stehen kann.

Du verwendest selbst eine offene Lizenz. Wie ist deine Einschätzung zu geschlossenen Lizenzen wie der „noncommercial“-Klausel?
Der Tenor ist ja: NC behindert die Verbreitung stark, denn die Lizenz könnte schon Menschen behindern, die Werbung auf ihrem Blog schalten, die deswegen schon als kommerziell eingestuft werden. Als ich mit der Veröffentlichung begann, hatte ich folgendes überlegte: Wenn Schulbuchverlage meine Materialien nutzen möchten, die unter einer „Share Alike“-Lizenz stehen, dann heißt das nach meinem Verständnis, dass sie ihr Medium wieder unter der gleichen oder einer ähnliche offenen Lizenz veröffentlichen müssen, wie ich es getan habe. Das würde ein Schulbuchverlag wahrscheinlich nicht machen, denn dann müssten sie ja den Inhalt verschenken. Zumindest denke ich mir das so – ich habe allerdings noch nie einen Anwalt dazu befragt. Mir war es lieber, eine größere Verbreitung zu erreichen, weswegen ich mich für die SA-Lizenz entschieden habe. Früher hatte ich selbst eine NC-Lizenz auf meinen Materialien.

„Ich kann mir kaum vorstellen, diesen Kurs ohne Wiki zu unterrichten…“ Welche Tools und Methoden setzt du im Unterricht besonders gerne ein? Was funktioniert gut?
Mein absolutes Lieblings-Tool ist mein Doku-Wiki. Das ist einerseits meine Ablage für Materialien und Methoden, die ich immer wieder brauche. Andererseits gibt es einen Bereich für den Unterricht, der passwortgeschützt ist, in dem ich mit meinen Lernenden arbeite. Mit einem Geografie-Kurs, den ich regelmäßig habe, führe ich dort zum Beispiel eine Art digitales Heft und organisiere den Unterricht. Die Lernenden laden Hausaufgaben hoch oder fassen gemeinschaftlich Texte zusammen. Wir tauschen Lernergebnisse aus und reflektieren sie im Wiki schriftlich. Ich kann mir kaum vorstellen, diesen Kurs ohne Wiki zu unterrichten, weil es so viel Arbeitserleichterung bedeutet und den Lernenden einen so großen Mehrwert bietet.

Wie gut gefällt das Wiki den Lernenden?
Die Resonanz ist in der Regel positiv. Denn der Schulalltag ist recht analog und die Lernenden sind zunächst erst mal dankbar und motiviert, wenn ich ihnen digitale Tools zeige, die sie zum Beispiel zum Lernen nutzen können.

„Jemand, der viel mit dem Kopf arbeitet, hat oft das Problem, dass Projekte abstrakt sind oder manchmal gar nicht richtig enden. Das gilt auch für die Lehre.“ Neben deinen Aktivitäten in diversen sozialen Netzwerken arbeitest du auch an Holzprojekten. Wie bringst du diese analogen und digitalen Aspekte in deinem Unterricht zusammen?
Ich thematisiere das zum Beispiel bei Diskussionen mit Lernenden, wenn es um die Zeit nach ihrem Schulabschluss geht. Dann betone ich, dass ich es wichtig finde, beides zu können: digitale und analoge Arbeit. Etwas mit den Händen herzustellen ist ein sehr schönes Gefühl. Jemand, der viel mit dem Kopf arbeitet, hat oft das Problem, dass Projekte abstrakt sind oder manchmal gar nicht richtig enden. Das gilt auch für die Lehre. Wenn die Lernenden von der Schule gehen, kann man das Gefühl haben, ihnen etwas mitgegeben zu haben, aber es kommt nie an den Punkt, dass etwas abgeschlossen ist, dass es fertig ist. Anders ist es, wenn ich Dinge baue. Das ist sehr zufriedenstellend und das sage ich meinen Lernenden auch. Selbst erleben können sie das im Fach Naturwissenschaft und Technik. Dort bauen sie zum Beispiel Messgeräte, die sie dann selbst einsetzen.

In einem Blogartikel sprichst du darüber, dass der Umgang mit digitalen Tools reflektiert werden muss. Wie setzt du das in deinem Unterricht um?
Auf vielfältige Weise. Ich habe mir zum Beispiel angewöhnt, bei der Nutzung von neuen Tools eingangs die Frage zu stellen, was ich als Nutzer überlegen muss, bevor ich mich registriere. Sprich: Was für Daten werden erfasst, was passiert mit diesen, wer kriegt die Daten und womit verdienen die Empfänger ihr Geld? Komme ich da wieder raus? Außerdem besprechen wir immer wieder, welche Erfahrungen die Lernenden mit den jeweiligen Tools hatten und wie sie sie für sich sinnvoll einsetzen können. Auch wenn wir digitale Lernprodukte wie Videos oder Mindmaps erstellen, schauen wir sie uns in der Regel gemeinsam an und reflektieren, was die Arbeit in dieser konkreten Form gebracht hat und wie sie verbessert werden könnte. Ich habe den Eindruck, dass dieser kritische Blick sehr viel besser gelingt, wenn ich selber im Netz aktiv bin. Wenn ich jetzt beispielsweise sage, dass ich mich an einer Plattform abmelde, dann wissen die Lernenden, dass ich kein Digitalverweigerer bin. Sie nehmen meine Gründe ernster, da sie davon ausgehen können, dass das dann einen guten Grund haben muss. Meine Erfahrung beschert mir eine höhere Glaubwürdigkeit. Wenn ich als Lehrender nicht aktiv bin, mir Erfahrungen fehlen und solche Entscheidungen treffe oder Kritik übe, dann denken sich die Lernenden: „Ja gut, der hat ja eh keine Ahnung.“

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